Die absurdesten „smarten“ Produkte der CES 2026 – ein Rundgang durch technologischen Größenwahn
Stellen Sie sich vor: Sie stehen morgens verschlafen in der Küche, wollen nur schnell die Milch rausholen – und Ihr Kühlschrank begrüßt Sie mit einer Rezeptempfehlung für „Avocado-Smoothie mit Chiasamen“. Sie haben weder Avocados noch Chiasamen. Und ehrlich gesagt wollen Sie um 6:30 Uhr auch keine Ernährungstipps von einem Haushaltsgerät. Willkommen in der wunderbaren Welt der CES 2026 – der größten Technikmesse der Welt, auf der jedes Jahr Tausende Produkte vorgestellt werden, die die Menschheit angeblich dringend braucht. Spoiler: Braucht sie meistens nicht.
Der Kühlschrank, der zum „Worst in Show“ gekürt wurde
Samsung hat auf der CES 2026 in Las Vegas seinen neuesten KI-Kühlschrank präsentiert. Der „Bespoke AI Refrigerator Family Hub“ – ja, der Name ist wirklich so lang – verfügt über eingebaute Kameras, die den Inhalt scannen, Lebensmittel erkennen und Rezeptvorschläge machen. Er lässt sich per Sprache steuern. Inklusive der Tür.
Klingt erst mal beeindruckend. In der Praxis? Eher weniger. Bei Vorführungen auf der Messe hatte der Kühlschrank massive Probleme, Sprachbefehle bei normalen Küchengeräuschen zu verstehen. Also genau dort, wo er stehen soll: in einer Küche, in der es klappern, brutzeln und manchmal auch mal lauter zugeht.
Das Ergebnis: Verbraucherschützer von iFixit, Consumer Reports und der Electronic Frontier Foundation kürten den Kühlschrank zum schlechtesten Produkt der CES 2026. Elizabeth Chamberlain von iFixit brachte es auf den Punkt: „Sie wollen keine Kamera an der Vorderseite Ihres Kühlschranks, die Sie die ganze Zeit beobachtet.“ Und: „Die meisten Menschen wollen sicherlich keine sprachgesteuerte KI, die die Kühlschranktür öffnet.“ Ein Kühlschrank sollte eigentlich nur eines können: Lebensmittel kühlen. Verrückte Idee, oder?
Lutscher mit Soundtrack: 60 Minuten Musik, dann ab in den Müll
Falls Sie dachten, beim Kühlschrank sei der Höhepunkt erreicht: Es wird besser. Der „Lollipop Star“ von Lava Tech ist ein elektronischer Lutscher, der Musik über Kiefervibrationen ins Innenohr überträgt. Ja, Sie haben richtig gelesen. Man leckt an einem Lolli und hört dabei Songs von Akon, Ice Spice oder Armani White. Über die Knochen.
Die Spielzeit: maximal 60 Minuten. Danach? Ab in den Müll – inklusive Lautsprecher und zwei eingebauter Batterien. Nicht aufladbar, nicht recyclebar, nicht sinnvoll. Nathan Proctor, einer der Organisatoren der „Worst in Show“-Awards, zerlegte das Ding direkt auf der Messefläche. Sein Fazit: Eine Produktlebensdauer von 60 Minuten als Feature zu verkaufen, ist schon eine besondere Leistung. Tausende dieser Elektro-Lutscher werden bald auf den Mülldeponien von Las Vegas vor sich hin rotten.
„Die meisten Menschen wollen keine Unterhaltung mit ihrer Kaffeemaschine“
Bosch präsentierte auf der CES seinen „Personal AI Barista“ – eine Kaffeemaschine mit eingebautem Sprachassistenten, Abo-Modell und App-Steuerung. Justin Brookman von Consumer Reports verlieh dem Gerät den Preis in der Kategorie „Wer hat danach gefragt?“ und fasste zusammen: „Viele Menschen wollen morgens einfach keinen Smalltalk mit ihrer Kaffeemaschine führen.“
Das Problem ist nicht nur die fragwürdige Sprachsteuerung. Käufer, die heute einen Aufpreis für die smarten Features zahlen, riskieren, dass der Hersteller die Integration irgendwann einstellt. Dann hat man eine teure Kaffeemaschine, deren „intelligente“ Funktionen plötzlich nicht mehr funktionieren. Planned Obsolescence trifft auf Koffein-Abhängigkeit – eine toxische Kombination.
Ihr neuer bester Freund: eine Überwachungskamera auf dem Schreibtisch
Der „Lepro Ami AI Companion“ gewann den Publikumspreis als schlimmstes Produkt – und das mit „überwältigender Mehrheit“, wie die Organisatoren betonten. Es handelt sich um eine Desktop-Kamera mit Mikrofon, die als „Seelenverwandter“ vermarktet wird. Sie läuft ständig mit, hört zu, beobachtet und soll eine emotionale Bindung simulieren. Quasi wie ein Haustier, nur dass es Sie filmt und die Daten irgendwo in einer Cloud speichert.
Und dann wäre da noch Apple: Für schlappe 229 Dollar verkauft der Konzern eine iPhone-Hülle in Zusammenarbeit mit Designer Issey Miyake. Im Grunde ist es eine Socke. Eine sehr, sehr teure Designersocke für Ihr Telefon. Das Internet hat sich köstlich amüsiert – was vermutlich mehr Unterhaltungswert hatte als das Produkt selbst.
KI-Aufkleber für alles: Vom Haarschneider bis zum Babyphone
Das eigentliche Muster hinter all diesen Produkten ist simpel: Auf der CES 2026 war „KI“ das Zauberwort. Es klebte auf Haarschneidemaschinen, Babyphones, Haustier-Futterautomaten, Laufbändern und natürlich auf Kühlschränken. Egal ob das Produkt tatsächlich künstliche Intelligenz nutzt oder einfach nur einen Sensor hat, der ein bisschen was misst – das Label „AI-powered“ war der Standard-Marketing-Aufkleber 2026.
Besonders kurios: Ein KI-Laufband, das biometrische Daten sammelt und gleichzeitig in seinen Datenschutzbestimmungen zugibt, dass es die Sicherheit dieser Daten nicht garantieren kann. Frei übersetzt: „Wir wissen, wo Ihr Puls um 180 geht, aber wir können nicht versprechen, dass das niemand sonst erfährt.“ Sportliche Transparenz, immerhin.
Fazit: Die Zukunft ist smart – aber manchmal etwas zu smart
Die CES 2026 hat eindrucksvoll bewiesen: Nur weil man KI in ein Produkt einbauen kann, heißt das noch lange nicht, dass man es auch tun sollte. Ein Kühlschrank, der nicht zuhört, wenn es in der Küche laut wird. Ein Lutscher, der nach einer Stunde Elektroschrott produziert. Eine Kaffeemaschine, die ein Abo-Modell braucht. Und eine Desktop-Kamera, die Ihr Seelenverwandter sein möchte.
Manchmal ist das smarteste Produkt einfach das, das seinen Job macht – ohne dabei ein Gespräch anfangen zu wollen. Und manchmal ist eine ganz normale Kühlschranktür, die man mit der Hand aufmacht, die größte Innovation von allen.
Bis zur nächsten CES. Dann kommt bestimmt der KI-Toaster, der Ihnen beim Frühstück die Nachrichten vorliest. Ob Sie wollen oder nicht.
