Sie sitzen in einer Videokonferenz. Der Kollege teilt seinen Bildschirm. Bevor die eigentliche Präsentation startet, sehen Sie es für zwei Sekunden: seinen Bildschirm-Hintergrund. Und in diesen zwei Sekunden wissen Sie mehr über ihn, als in den letzten drei Meetings zusammen.
Die klassische Typologie
Es gibt sechs Grundtypen. Jeder Mensch fällt in genau einen. Sie kennen jeden Typ. Sie sind selbst einer.
Typ 1: Der Standard
Windows-Blumenwiese. Windows-Berg. Windows-Sonnenuntergang. Der Bildschirm-Hintergrund, den Microsoft vorgibt. Vielleicht das aus Windows 10. Vielleicht das aus Windows 11. Vielleicht der Standard-Farbverlauf. Der Träger ist mit sich im Reinen. Oder er hat noch nie in die Einstellungen geschaut. Beides ist erlaubt.
Typ 2: Das Firmenlogo
Der Bildschirm-Hintergrund ist das Firmenlogo. Meistens in schlechter Auflösung. Meistens mit weißen Balken oben und unten, weil das Bild-Format nicht zum Monitor passt. Der Träger ist entweder besonders loyal – oder er hat den Rechner so bekommen und wagt es nicht, etwas zu ändern.
Typ 3: Das Urlaubs-Foto
Der Träger war 2019 auf Sizilien. Es war schön. Er hat ein Foto gemacht. Es ist immer noch da. Es wird auch 2029 noch da sein. Wenn Sie ihn danach fragen, wird er warm ums Herz. Wenn Sie ihn nicht fragen, denkt er nicht darüber nach. Das Foto ist der Kern seiner Identität geworden.
Typ 4: Das Familienfoto
Die Kinder. Die Frau. Der Hund. Alle drei zusammen, oft im Garten, oft an einem Grill. Das Foto ist von 2016. Die Kinder sind inzwischen weit über eins-fünfzig. Der Hund ist nicht mehr da. Aber das Foto bleibt. Es ist emotionsgeladen. Sie fragen nicht.
Typ 5: Das ambitionierte Foto
Ein Berggipfel. Ein Segelboot. Ein Ferrari. Ein Elite-Nordwand-Selfie. Der Träger hat das nicht selbst gemacht. Er hat es aus einer Bildersuche kopiert. Das Foto ist ein Statement. Es sagt: „So bin ich eigentlich.“ Es sagt nichts über den tatsächlichen Menschen.
Typ 6: Der Minimalist
Ein einfarbiger Hintergrund. Grau. Oder Schwarz. Oder ein sehr blasses Beige. Keine Icons. Keine Verzierung. Der Träger hat entweder eine höhere Berufung, oder er ist Designer. In beiden Fällen schweigen Sie ehrfürchtig.
Der Bonus-Typ: Der Meme-Träger
Sein Bildschirm-Hintergrund ist ein Meme. Etwas mit einer Katze. Etwas mit einer Comic-Figur. Etwas mit einem Text-Overlay, dessen Bedeutung nur die 25 Menschen weltweit verstehen, die dasselbe Meme kennen. Er ist unter 30. Er ist stolz auf sich. Sie sind sich nicht sicher, ob das ein guter oder ein schlechter Bildschirm-Hintergrund ist.
Die Wahrheiten des Bildschirm-Hintergrunds
Wer den Bildschirm-Hintergrund oft wechselt, hat entweder viel Freizeit oder sucht Ablenkung von der eigentlichen Arbeit. Wer ihn seit 2019 nicht mehr geändert hat, hat einen Bildschirm, der sich seit 2019 nicht mehr geändert hat.
Wer 47 Icons auf dem Desktop hat, sieht seinen Bildschirm-Hintergrund ohnehin nie. Wer nur drei Icons hat, tut so. Wer null Icons hat, ist entweder Designer oder hat sich getraut, „Ausblenden“ anzuklicken. Die drei sind ein Hinweis auf eine sehr ordentliche Seele.
Wer sich für Firmen-Hintergründe von der Marketing-Abteilung entscheidet, ist ein Held. Wer sie wieder deinstalliert, ist ein Rebell. Wer nie eine Wahl hatte, ist ein Angestellter.
Zum Schluss
Der Bildschirm-Hintergrund ist eine Kleinigkeit. Er ist auch alles. Er verrät die Persönlichkeit im Vorbeischauen. Er verrät die Aufmerksamkeitsspanne. Er verrät die Beziehung zum Betriebssystem. Er verrät die Beziehung zur eigenen Firma.
Und wenn Sie das nächste Mal in einer Videokonferenz sitzen und der Kollege seinen Bildschirm teilt: Schauen Sie hin. Es ist der ehrlichste Moment des ganzen Meetings.
