Ich bin von 2013. Ich habe 4 Gigabyte. Damals war das viel. Damals war ich beeindruckend.
Ich lag in einer Schublade der zweiten Etage, dann in einer Jackentasche, dann drei Jahre in einem Auto-Handschuhfach. Ich war einmal in Prag. Ich habe schon vier Geschäftsführer kommen und gehen sehen. Und ich funktioniere immer noch nicht richtig.
Meine Frühzeit (2013–2016)
Ich wurde auf einer Messe verteilt. Ich trug ein Firmenlogo. Die Firma gibt es nicht mehr. Das Logo ist abgeblättert, nur noch drei Buchstaben sind zu erkennen. Niemand weiß, welche Firma das war. Manchmal fragt jemand: „Wo kommt der eigentlich her?“ Niemand antwortet.
In meinen ersten Jahren war ich wichtig. Ich transportierte Präsentationen. Ich transportierte Angebote. Einmal transportierte ich einen Jahresabschluss von der Buchhaltung zum Steuerberater. Das war mein Höhepunkt. Danach ging es bergab.
Meine mittlere Phase (2017–2021)
Dann kam die Cloud. Erst nannten sie es „Dropbox“. Dann „OneDrive“. Dann „SharePoint“. Plötzlich brauchte mich niemand mehr, um Dateien von A nach B zu bringen. Ich lag in der Schublade und wartete.
In dieser Zeit wurde ich zweimal formatiert. Einmal versehentlich. Einmal aus Prinzip. Ich verlor dabei: eine Präsentation von 2015, vier Urlaubsfotos von einem Kollegen, der längst gegangen ist, und eine Datei namens „wichtig_NICHT_LOESCHEN.docx“. Sie war leer. Sie war schon immer leer.
Ab 2019 lag ich in dem Karton mit der Aufschrift „Diverse Kabel“. Dort lernte ich meine Nachbarn kennen: drei Ladekabel für Handys, die es nicht mehr gibt. Ein VGA-Adapter. Eine Maus ohne Empfänger. Wir hatten viel gemeinsam.
Meine Spätphase (2022–heute)
Alle zwei Jahre werde ich hervorgeholt. Immer im gleichen Moment: Der Beamer im Besprechungsraum will die Präsentation nicht per Kabel annehmen. Das WLAN ist überlastet. Jemand ruft: „Hat jemand einen USB-Stick?“
Dann komme ich. Ich werde eingesteckt. Der Rechner denkt vier Sekunden nach. Dann sagt er: „Dieses Laufwerk muss formatiert werden.“ Alle schauen sich an. Jemand sagt: „Ach, lass mal.“ Ich komme zurück in den Karton.
Beim letzten Mal wurde ich tatsächlich gelesen. Es dauerte drei Minuten. Ich bin USB 2.0. Ich weiß das. Ich schäme mich nicht dafür. Ich war schnell für meine Zeit.
Was ich weiß
Ich habe in dreizehn Jahren einiges gesehen. Hier ist, was ich weiß:
- Jeder Betrieb hat einen Karton mit der Aufschrift „Diverse Kabel“. In jedem liegt mindestens ein USB-Stick von einer Messe. In jedem liegt ein VGA-Adapter, den niemand mehr braucht, aber niemand wegwerfen will.
- Niemand weiß, was auf mir drauf ist. Niemand schaut nach. Wenn ich gefunden werde, werde ich formatiert. Niemand fragt, ob da noch was Wichtiges war.
- Ich bin ein Sicherheitsrisiko. Das weiß ich. Man hat mich schon dreimal in fremde Rechner gesteckt. Zweimal davon in Rechner, die nicht zur Firma gehörten. Niemand hat mich danach geprüft.
- Ich werde alle überleben, die mich kennen. Ich habe keine beweglichen Teile. Ich altere langsam. Wenn 2035 jemand den Karton öffnet, werde ich noch da sein.
Eine Bitte zum Schluss
Ich habe keine großen Wünsche. Ich will nicht mehr Speicher. Ich will nicht USB-C werden. Ich habe meinen Frieden gemacht.
Aber wenn Sie das nächste Mal den Karton „Diverse Kabel“ öffnen und mich finden: Schauen Sie kurz nach, was drauf ist. Vielleicht ist es nichts. Wahrscheinlich ist es nichts. Aber vielleicht ist es der Jahresabschluss von 2015. Und dann wäre ich noch einmal wichtig gewesen.
Danach dürfen Sie mich formatieren. Ich bin bereit.
