Stellen Sie sich vor, Sie sind Geschäftsführer eines Maschinenbau-Unternehmens mit 35 Mitarbeitern. Morgens um 8 Uhr ruft Sie Ihr „CFO“ an – die Stimme klingt exakt wie die Ihres Finanzchefs, inklusive seiner typischen Formulierungen. Er bittet Sie dringend, eine Überweisung von €127.000 an einen neuen Lieferanten freizugeben. „Vertrauliche Angelegenheit, bitte diskret behandeln.“ Sie zögern keine Sekunde. Warum auch? Es ist ja Ihr CFO.

Nur: Ihr echter CFO sitzt gerade im Flieger nach München. Der Anruf kam von einer KI. Und die €127.000? Weg.

Willkommen im Jahr 2026 – dem Jahr, in dem Künstliche Intelligenz vom Tech-Hype zum handfesten Geschäftsrisiko geworden ist. Das zeigt auch das brandneue Allianz Risikobarometer 2026, in dem KI einen beispiellosen Sprung macht: Von Platz 10 direkt auf Platz 2 der größten globalen Unternehmensrisiken. In diesem Artikel erfahren Sie, was hinter diesem dramatischen Anstieg steckt, welche konkreten Gefahren auf KMUs zukommen, und vor allem: Was Sie jetzt tun können, um Ihr Unternehmen zu schützen.

Was ist das Allianz Risikobarometer – und warum sollte Sie das interessieren?

Das Allianz Risk Barometer ist keine Marketing-Broschüre, sondern eine jährliche Umfrage unter 3.338 Risikomanagement-Experten aus 97 Ländern – darunter Führungskräfte, Risikomanager, Versicherungsexperten und Unternehmensberater. Seit 15 Jahren identifiziert diese Studie die größten Bedrohungen für Unternehmen weltweit.

Die Zahlen für 2026 sind eindeutig: 42 Prozent aller Befragten sehen Cybervorfälle als Top-Risiko – der höchste jemals gemessene Wert. Cyber bleibt damit das fünfte Jahr in Folge auf Platz 1. Aber die eigentliche Sensation? KI katapultiert sich mit 32 Prozent der Stimmen von Rang 10 auf Platz 2. Das ist der größte Sprung in der Geschichte des Risikobarometers.

Thomas Lillelund, CEO von Allianz Commercial, bringt es auf den Punkt: „KI verändert durch ihr transformatives Potenzial und ihre rasante Entwicklung die Risikolandschaft grundlegend. Sie wird neben etablierteren Bedrohungen weltweit zu einem herausragenden Thema für Unternehmen jeder Größe.“

Und ja, auch für Ihr mittelständisches Unternehmen.

Die doppelte Bedrohung: KI als Waffe UND als Fehlerquelle

Was macht KI so gefährlich? Die Antwort: Sie ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits nutzen Cyberkriminelle KI, um ihre Angriffe zu perfektionieren. Andererseits kann KI auch ohne böse Absicht enormen Schaden anrichten – einfach weil sie Fehler macht oder auf falschen Daten basiert.

KI in den Händen von Angreifern

Michael Bruch, Global Head of Risk Consulting bei Allianz Commercial, warnt: „KI vergrößert die Angriffsfläche und verstärkt bestehende Schwachstellen.“ Die Zahlen sprechen für sich: Europa stand 2025 für 22 Prozent aller weltweiten Ransomware-Angriffe. Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien verloren zusammen über 300 Milliarden Euro in den letzten fünf Jahren durch Cyberkriminalität.

Die neuen KI-gestützten Angriffsformen sind besonders perfide:

Deepfake-Betrug: Die eingangs beschriebene Szene mit dem gefälschten CFO-Anruf ist keine Science-Fiction. Ein Autohaus in Süddeutschland verlor im Oktober 2025 tatsächlich €45.000 durch einen solchen Angriff. Die Stimme des Geschäftsführers wurde aus einem öffentlichen Video-Interview geklont – die Technologie dafür ist kostenlos im Internet verfügbar.

Automatisierte Spear-Phishing: KI analysiert Social-Media-Profile, E-Mail-Verläufe und öffentliche Daten, um perfekt personalisierte Phishing-Mails zu erstellen. Eine Steuerberatung mit 12 Mitarbeitern erhielt 2025 E-Mails, die nicht nur den echten Schreibstil des Finanzamts imitierten, sondern auch konkrete Details zu laufenden Prüfungen enthielten – allerdings mit einem manipulierten Zahlungslink.

Autonome Hacking-Agenten: KI-Systeme können mittlerweile eigenständig Schwachstellen identifizieren, Angriffswege testen und Exploits entwickeln – und das in Minuten statt Tagen. Was früher spezialisierte Hacker-Kenntnisse erforderte, kann heute eine KI automatisiert erledigen.

KI-Risiken im eigenen Unternehmen

Doch die Gefahr lauert nicht nur von außen. Alexandra Braun von Allianz Commercial erklärt: „KI arbeitet per Definition mit einem gewissen Grad an Autonomie, und deswegen können die Ergebnisse falsch oder frei erfunden sein.“

Hier ein reales Beispiel: Ein Ingenieurbüro mit 22 Mitarbeitern nutzte ChatGPT, um technische Dokumentationen zu erstellen. Die KI „erfand“ dabei Normen und technische Spezifikationen, die nicht existierten. Das Unternehmen reichte die Unterlagen bei einem Großkunden ein – der Auftrag platzte, die Reputation war beschädigt. Schadensumme: €180.000 entgangener Umsatz plus jahrelange Vertrauenskrise beim Kunden.

Weitere KI-eigene Risiken:

Deutschland: KI auf Platz 4, aber die Sorge wächst

In Deutschland präsentiert sich das Risikoranking etwas anders als weltweit. Hier belegen Cyberangriffe und Betriebsunterbrechungen weiterhin die Plätze 1 und 2. Auf Rang 3 springen „Änderungen in Gesetzgebung und Regulierung“ – ein deutliches Zeichen für die Unsicherheit rund um NIS-2, den EU AI Act und verschärfte Datenschutzanforderungen.

KI landet in Deutschland auf Platz 4, was angesichts der traditionell vorsichtigen deutschen Herangehensweise an neue Technologien nicht überrascht. Doch die Zahlen täuschen: Die Sorge wächst rasant. Viele KMUs unterschätzen noch, wie schnell KI ihre Branche verändern wird – und welche Risiken damit einhergehen.

Ludovic Subran, Chefökonom der Allianz, warnt vor einer gefährlichen Diskrepanz: „In vielen Fällen schreitet die Einführung schneller voran, als Governance, Regulierung und Unternehmenskultur mithalten können.“ Anders gesagt: Unternehmen setzen KI ein, bevor sie verstehen, was das bedeutet.

Die Top 10 Geschäftsrisiken 2026 im Überblick

Werfen wir einen Blick auf die komplette Rangliste, denn viele dieser Risiken hängen zusammen:

  1. Cybervorfälle (42 %) – Ransomware, Datendiebstahl, DDoS-Attacken
  2. Künstliche Intelligenz (32 %) – Deepfakes, fehlerhafte Entscheidungen, Haftungsfragen
  3. Betriebsunterbrechungen (29 %) – Lieferketten-Probleme, Produktionsausfälle
  4. Gesetzgebung und Regulierung (26 %) – NIS-2, EU AI Act, Handelsbeschränkungen
  5. Naturkatastrophen (25 %) – Überschwemmungen, Stürme, Extremwetter
  6. Klimawandel (21 %) – Langfristige Umweltrisiken, Lieferkettenprobleme
  7. Politische Risiken und Gewalt (19 %) – Geopolitische Spannungen, Konflikte
  8. Makroökonomische Entwicklungen (16 %) – Inflation, Rezessionsrisiken
  9. Feuer und Explosionen (15 %) – Klassische Betriebsrisiken
  10. Marktentwicklungen (14 %) – Neue Wettbewerber, Technologie-Disruption

Beachten Sie: Cyber und KI liegen mit Abstand vorne. Der Abstand zwischen Platz 1 (42 %) und Platz 2 (32 %) beträgt zehn Prozentpunkte – der größte Vorsprung in der Geschichte des Barometers.

Was bedeutet das konkret für KMUs?

„Das sind doch Konzern-Probleme“, denken Sie jetzt vielleicht. Falsch. Die Allianz-Studie zeigt explizit: KI ist für Unternehmen jeder Größe ein Top-3-Risiko – auch für kleine und mittlere Betriebe.

Warum trifft es KMUs besonders hart?

Begrenzte Ressourcen: Ein Konzern kann sich ein Security Operations Center (SOC), einen KI-Governance-Beauftragten und spezialisierte Rechtsteams leisten. Ein Handwerksbetrieb mit 25 Mitarbeitern nicht. Gleichzeitig haben Sie aber dieselben Risiken: Ransomware unterscheidet nicht zwischen Großkonzern und Mittelständler.

Höhere Abhängigkeit von Drittanbietern: KMUs nutzen oft Cloud-Dienste, Software-as-a-Service und externe IT-Dienstleister. Jeder dieser Drittanbieter ist ein potenzielles Einfallstor für Angreifer. Die Allianz warnt: „Unternehmen sind zunehmend auf Drittanbieter für kritische Daten und Dienste angewiesen.“

Attraktive Ziele für Kriminelle: Cyberkriminelle haben erkannt, dass KMUs oft schlechtere Sicherheitsmaßnahmen haben als Konzerne – aber immer noch lohnende Lösegeldsummen zahlen können. Eine Bäckerei-Kette mit 4 Filialen zahlte nach einem Ransomware-Angriff €25.000 Lösegeld, weil ohne IT-Systeme weder Bestellungen noch Lohnbuchhaltung funktionierten.

NIS-2 verschärft die Lage: Ab Oktober 2024 gilt die NIS-2-Richtlinie auch für viele KMUs in kritischen Sektoren (Energie, Gesundheit, Verkehr, digitale Infrastruktur). Die Folge: Persönliche Haftung der Geschäftsführung bei Sicherheitsvorfällen. Das ist kein Kavaliersdelikt mehr, sondern kann existenzbedrohend werden.

Trotzdem: Fast die Hälfte sieht mehr Chancen als Risiken

Interessanterweise glauben 47 Prozent der Befragten, dass KI ihrer Branche unterm Strich mehr Vorteile als Risiken bringt. Nur 20 Prozent sind gegenteiliger Meinung. Der Rest ist unentschieden.

Das zeigt: KI ist kein Teufelszeug, das man komplett meiden sollte. Die Technologie bietet enorme Chancen – von Prozessautomatisierung über verbesserte Datenanalyse bis zu neuen Geschäftsmodellen. Aber: Sie müssen die Risiken kennen und managen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Logistikunternehmen mit 40 Mitarbeitern nutzt KI zur Routenoptimierung und spart dadurch 18 Prozent Kraftstoffkosten. Gleichzeitig haben sie klare Richtlinien: Keine Kundendaten in öffentliche KI-Tools, regelmäßige Überprüfung der KI-Entscheidungen durch Menschen, und ein Notfallplan für den Fall, dass die KI ausfällt.

Das ist der Unterschied zwischen „KI nutzen“ und „KI verantwortungsvoll nutzen“.

Was Sie jetzt tun sollten: 5 konkrete Schritte

Sie müssen kein IT-Experte sein, um Ihr Unternehmen besser zu schützen. Hier sind fünf Maßnahmen, die Sie sofort umsetzen können:

1. KI-Inventar erstellen

Wissen Sie, welche KI-Tools in Ihrem Unternehmen genutzt werden? Nicht nur die offiziell eingeführten, sondern auch die, die Mitarbeiter auf eigene Faust verwenden (Stichwort: BYOAI)? Erstellen Sie eine Liste. Ohne Überblick können Sie keine Kontrolle haben.

2. Klare KI-Nutzungsrichtlinien aufstellen

Definieren Sie, was erlaubt ist und was nicht. Beispiel: „ChatGPT darf für Brainstorming und erste Entwürfe genutzt werden, aber niemals dürfen Kundendaten, Finanzinformationen oder vertrauliche Geschäftsdaten eingegeben werden.“ Dokumentieren Sie diese Regeln und schulen Sie Ihr Team.

3. Verifikationsprozesse für kritische Transaktionen einführen

Der beste Schutz gegen Deepfake-Betrug: Verifizierung über einen zweiten Kanal. Wenn Ihr CFO anruft und eine dringende Überweisung fordert, rufen Sie ihn auf seiner bekannten Nummer zurück. Wenn Ihr Geschäftsführer per E-Mail eine Transaktion anordnet, bestätigen Sie telefonisch. Ja, das kostet zwei Minuten. Aber es verhindert sechsstellige Schäden.

4. Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA) überall aktivieren

Microsoft berichtet, dass 99,9 Prozent aller Account-Kompromittierungen durch MFA verhindert werden können. Aktivieren Sie MFA für alle kritischen Systeme: E-Mail, Cloud-Speicher, Buchhaltungssoftware, ERP-Systeme. Die Kosten? Meist null Euro, denn MFA ist in den meisten Business-Lizenzen bereits enthalten.

5. Einen IT-Sicherheits-Check durchführen lassen

Sie lassen Ihre Buchhaltung auch vom Steuerberater prüfen, oder? Warum nicht Ihre IT-Sicherheit? Lassen Sie von einem externen Dienstleister einen Security-Check durchführen. Viele MSPs bieten kostenlose Erstberatungen an. Sie bekommen eine klare Liste: Was ist kritisch, was sollte mittelfristig angegangen werden, was ist nice-to-have.

Fazit: Risiko ernst nehmen, aber nicht in Panik verfallen

Das Allianz Risikobarometer 2026 zeichnet ein klares Bild: Cyber und KI dominieren die Risikolandschaft. Für KMUs bedeutet das nicht, dass Sie ab sofort jede Technologie fürchten müssen. Es bedeutet, dass Sie die Risiken kennen, verstehen und aktiv managen sollten.

Die gute Nachricht: Viele der nötigen Schutzmaßnahmen sind weder teuer noch kompliziert. MFA aktivieren, Backup-Strategie aufsetzen, Mitarbeiter schulen, Verifikationsprozesse einführen – das sind Basics, die jedes Unternehmen umsetzen kann.

Die schlechte Nachricht: Wenn Sie nichts tun, steigt Ihr Risiko exponentiell. Cyberkriminelle werden nicht weniger, sondern mehr. KI macht ihre Angriffe nicht schwächer, sondern stärker. Und NIS-2 macht Sicherheitsvorfälle nicht folgenloser, sondern mit persönlicher Haftung verbunden.

Die Frage ist nicht, ob Sie in IT-Sicherheit investieren. Die Frage ist: Möchten Sie proaktiv investieren oder reaktiv bezahlen – nachdem der Schaden schon entstanden ist?

Ein letzter Gedanke: Der eingangs beschriebene CFO-Deepfake-Anruf? Das Unternehmen hatte Glück. Der Geschäftsführer wurde skeptisch, weil der „CFO“ eine Formulierung nutzte, die er normalerweise nie benutzt hätte. Manchmal reicht Aufmerksamkeit. Aber verlassen sollten Sie sich darauf nicht.

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