Ich bin Tabelle. Genauer: Auftragsuebersicht_2024_v3_NEU_FINAL_überarbeitet (3).xlsx. Ich liege in einem SharePoint-Ordner, dessen Pfad noch nie jemand vollständig abgetippt hat. Ich werde geöffnet, angesehen, manchmal angestaunt, gelegentlich beleidigt – und in seltenen Fällen auch korrekt benutzt. Das hier ist mein Tag.
7:48 Uhr – Die erste Öffnung
Jemand öffnet mich. Sie nimmt nicht den Doppelklick, sie öffnet mich über die letzten zehn Dateien in Excel. Ein guter Tag, hätte ich beinahe gedacht. Aber sie blickt direkt in den falschen Reiter. Ich habe sieben Reiter. Niemand erinnert sich, warum.
Reiter 1: „Tabelle1″. Standard. Inhalt unbekannt.
Reiter 2: „Auftraege“. Hier sollte ich wohnen.
Reiter 3: „Auftraege_NEU“. Hier wohne ich seit 2023 wirklich.
Reiter 4: „Auftraege_NEU2″. Hier hat jemand 2024 angefangen und nach drei Stunden aufgegeben.
Reiter 5: „BITTE NICHT LÖSCHEN“. Inhalt: leer.
Reiter 6: „xx“. Vier Buchstaben in Spalte A. Niemand weiß, was sie bedeuten.
Reiter 7: „Backup“. Ein vollständiges Backup von Reiter 2 vom 14. Februar 2022. Es ist mein Lieblingsreiter. Es erinnert mich an bessere Zeiten.
9:12 Uhr – Spalte K
Spalte K ist gelb. Sie ist seit 2019 gelb. Warum, weiß niemand. Sie enthält Zahlen, die nichts mit den Zahlen in den anderen Spalten zu tun haben. Sie wird in keiner Formel referenziert. Sie wird in keiner Auswertung verwendet. Aber sie ist gelb. Und sie steht da. Und sie wird so lange dableiben, bis die Person, die sie 2019 gelb gemacht hat, in Rente geht. Diese Person sitzt drei Schreibtische weiter und arbeitet jetzt im Einkauf.
Manchmal scrollt jemand durch mich und murmelt: „Was war noch mal die K-Spalte?“ Niemand antwortet. Niemand löscht sie auch.
11:34 Uhr – Die verbundenen Zellen
Jemand versucht zu filtern. Filter klappt nicht. „Nicht möglich, weil verbundene Zellen.“ Das hat mit mir nichts zu tun, ich habe nichts verbunden. Das war 2021 ein Praktikant. Er fand es ordentlich. Drei Reihen in einer. „Damit es übersichtlich ist.“ Es ist nicht übersichtlich. Es ist tragisch.
Filter wird abgebrochen. Excel-Notizfunktion wird gestartet, eine Notiz wird in Zelle B17 hinterlegt: „Bitte nicht mehr verbinden!“ Die Notiz wird niemand jemals lesen.
13:20 Uhr – Eine Formel zerbricht
Jemand löscht eine Zeile. Drei Formeln zeigen jetzt #BEZUG! an. Die Person sagt: „Ach Mist.“ Klickt Strg+Z. Klickt noch mal Strg+Z. Klickt noch mal Strg+Z, weil es so schön ist. Klickt einmal zu viel. Verliert die letzte Stunde Arbeit. Speichert vorsorglich.
Ich enthalte jetzt drei kaputte Formeln und eine fehlende Stunde Arbeit. Ich werde geschlossen.
15:48 Uhr – Die kreative Pause
Ich werde wieder geöffnet. Jemand anders. Sie scrollt bis Zeile 4711. Sie schreibt in Zelle E4712: „???“. In Zelle F4712: „Bitte klären“. In Zelle G4712 fügt sie eine Schriftfarbe Rot ein. Sie sichert. Sie schließt mich. Die Frage wird nie gestellt. Die Antwort wird nie gegeben. Die rote „???“ wird in sechzehn Monaten von einer Praktikantin gefunden, die ratlos den Kopf schüttelt.
17:32 Uhr – Die Email
Jemand schreibt eine E-Mail. „Ich schick dir mal die Datei.“ Anhang: ich. Größe: 87 MB. Inhalt: irrelevant. Aber pflichtbewusst angehängt. In der Mail steht: „Schau dir bitte den Reiter Auftraege_NEU an, Spalte M.“ Es gibt keine Spalte M mit relevantem Inhalt. Es gibt eine Spalte M, die seit 2020 leer ist. Aber das wird nicht erwähnt.
Abends – Schlafenszeit
Ich werde geschlossen. Auf dem Schreibtisch steht noch eine Tasse halbleerer Kaffee. Die Person geht nach Hause. Ich bleibe. Ich bin Tabelle. Ich existiere weiter. Ich werde morgen wieder geöffnet. Vielleicht von jemand anderem. Vielleicht aus einem anderen Grund. Vielleicht nur, um die gelbe Spalte K zu sehen und sich kurz zu wundern.
Ich bin Tabelle. Und morgen, da wird die rote Spalte vielleicht wieder weiß. Oder ein achter Reiter entsteht. Wer weiß das schon.
Gute Nacht.
