Es ist Montag. 9:03 Uhr. Der erste Tag im Büro. Die Praktikantin trägt das einzige Hemd, das sie für Geschäftliches besitzt. Sie hat eine Liste in der Hand, auf der „Einarbeitung“ steht und sonst nichts. Sie sitzt vor einem Computer, der älter ist als sie. Und dann beginnt eine Initiation, die Generationen verbindet. Hier sind die drei Sätze, die sie in den nächsten fünf Tagen hören wird. Versprochen.
Satz Nummer eins: „Haben Sie es schon mal aus- und wieder eingeschaltet?“
Der Klassiker. Wird gesagt von jeder Person zwischen 35 und 65 im Büro. Wird gesagt zu jedem Problem. Zu einem hängenden Bildschirm. Zu einem nicht druckenden Drucker. Zu einem nicht klingelnden Telefon. Zu einer streikenden Kaffeemaschine. Einmal sogar zu einem schlecht gelaunten Kollegen.
Die Praktikantin lernt: Dieser Satz ist nie eine echte Frage. Er ist ein Reflex. Er bedeutet: „Ich weiß auch nicht weiter, aber ich möchte hilfreich wirken.“ Sie wird ihn ihr Leben lang weitergeben.
Bonusvariante: „Schon mal kurz neu gestartet?“ Häufig im Stehen gesagt, mit erhobenem Zeigefinger. Wirkung: weniger Hilfe, mehr Drohung.
Satz Nummer zwei: „Ich schick dir mal den Link“
Wird gesagt in jedem zweiten Gespräch. Bezieht sich auf das Online-Onboarding-Portal, die Datenschutzbelehrung, das Wiki, die SharePoint-Site oder das interne Ticketsystem. Der Link kommt nie an. Er kommt in einer veralteten E-Mail an. Er führt auf eine Seite, die seit 2021 nicht aktualisiert wurde. Er verlangt einen Login, dessen Passwort niemand kennt.
Die Praktikantin lernt: „Ich schick dir mal den Link“ ist ein Höflichkeitsformel. Es bedeutet eigentlich: „Ich erinnere mich vage, dass es dazu eine Dokumentation gibt. Ich werde nichts schicken. Wir werden beide nie wieder darüber sprechen.“
In besonders schweren Fällen folgt: „Sag Bescheid, wenn du ihn nicht bekommst.“ Was höflich klingt, ist die elegante Verlagerung der Verantwortung.
Satz Nummer drei: „Das machen wir hier immer so“
Der schönste der drei. Wird gesagt, wenn die Praktikantin höflich fragt, ob ein Vorgang nicht eleganter gelöst werden könnte. Etwa: „Müssen die Listen wirklich jeden Freitag manuell zusammenkopiert werden?“ Oder: „Wieso wird die Rechnung dreimal ausgedruckt?“ Oder: „Wofür gibt es eigentlich die Excel-Datei mit den vier Reitern und der unsortierten Spalte K?“
Die Antwort kommt immer in derselben Tonlage: „Das machen wir hier immer so.“ Punkt. Keine weitere Erklärung. Die Praktikantin lernt: Es gibt Dinge, die werden nicht hinterfragt. Sie sind heilig. Sie sind älter als der Datenschutzbeauftragte. Sie haben ihren Ursprung in einer Person, die 2008 das Unternehmen verlassen hat. Aber sie bleiben.
In zehn Jahren wird die Praktikantin selbst diesen Satz sagen. Sie wird es nicht merken.
Vier weitere Sätze, die in seltenen Fällen auftreten
- „Frag den Mike. Der weiß das.“ Mike ist im Urlaub. Mike ist immer im Urlaub.
- „Den Drucker dürfen Sie nicht treten. Nicht mehr.“ Vergangenheit hat eine Bedeutung.
- „Sie haben sicher Lust, die alte Akte zu digitalisieren, oder?“ Die Antwort lautet nicht ja.
- „Willkommen im Team. Hier ist die Kaffeekasse. Bitte korrekt eintragen.“ Es gibt keine Kaffeekasse mehr. Es gibt nur ein Bild von ihr.
Was bleibt
Praktikum ist eine Phase. Sie geht vorbei. Was bleibt, sind die drei Sätze. Die Praktikantin wird sie in zwei Wochen selbst sagen. Sie wird einem neuen Praktikanten am Telefon raten, es kurz aus- und wieder einzuschalten. Sie wird einen Link versenden. Sie wird sagen, dass man das hier eben so macht.
Und genau das, das ist Onboarding. Echtes Onboarding. Nicht das auf der Hochglanz-PDF.
